Ölpreis mit vielen Fragezeichen – Bankhaus Krentschker Marktkommentar

Mit ihrer jüngsten Vereinbarung über eine Reduzierung der Ölfördermengen, die zu einer Stabilisierung des zuletzt massiv gefallenen Ölpreises führen soll, versucht die OPEC+ (13 OPEC-Staaten, Russland und neun weitere Ölförderstaaten) eine Notbremse zu ziehen. In einer historischen Einigung beschlossen die Erdöl produzierenden Länder eine Kürzung von 9,7 Millionen Barrel pro Tag zumindest für die Monate Mai und Juni. Dies entspricht etwa 10 % des weltweiten Verbrauchs vor der Corona-Pandemie. In der G20 Konferenz der Energieminister konnte eine Absichtserklärung über weitere Kürzungen im laufenden Jahr erzielt werden.
 
Aktuelle Erwartungen gehen nun davon aus, dass der Ölpreis im laufenden Jahr über 20 USD/Barrel bleiben wird. Bei einem anhaltend niedrigen Ölpreis wird es zu einer Verringerung von Ölproduzenten und einem reduziertem Öl-Angebot am Weltmarkt kommen. Denn eine Ölquelle kann man nicht so einfach abdrehen, sondern nur stilllegen, was zumeist auch sehr teuer ist. Allerdings: Spätestens mit der Verfügbarkeit eines Medikaments oder eines Impfstoffs gegen Covid-19 kann man mit einer sprunghaft steigenden Öl-Nachfrage verbunden mit steigenden Öl-Preisen rechnen. Am 14. April 2020 (16:40 Uhr) notierte die Ölsorte Brent bei rund 31 USD/Barrel, was ein Minus von 53 % gegenüber dem Jahresende 2019 bedeutet. Die Sorte WTI lag bei rund 21,7 USD/Barrel – also um mehr als 64% unter dem Niveau des Jahresendes. Mit Blick auf das künftig erwartete Wirtschaftswachstum sowie den nunmehr sehr hohen Arbeitslosenquoten muss davon ausgegangen werden, dass die Erholung des Brent-Ölpreises auf ein stabiles Niveau von 60 USD/Barrel durchaus weit mehr als nur ein Jahr dauern kann.
 
Wackeliger Deal?
Der Deal der OPEC+ steht aber auf einem wackeligen Fundament, da nicht alle OPEC-Länder von ihm überzeugt sind. Zudem sind die Rahmenbedingungen für die künftige Entwicklung des Ölpreises – abseits des aktuellen Nachfrageeinbruchs infolge der Corona-Pandemie – vielschichtig, schreiben die Experten der Bankhaus Krentschker & Co. AG im aktuellen Marktkommentar: Die globale Senkung der durch fossile Brennstoffe verursachten Treibhausgasemissionen ist zum Erhalt unserer Umwelt notwendig. Regierungen stehen vor einer gewaltigen Herausforderung, denn ein niedriger Preis von fossilen Energie-Ressourcen erschwert die Energiewende. Gleichzeitig kann diese nicht von heute auf morgen stattfinden, weil der Bedarf an Energie steigt, da nahezu eine Milliarde Menschen noch keinen Zugang zu Elektrizität haben. Die IEA (International Energy Agency) geht in ihrem jüngsten „Stated Policies Scenario“, das die politischen Rahmenbedingungen berücksichtigt, von einer jährlichen Steigerung um 1 % des weltweiten Energieverbrauchs bis 2040 aus. Je ein Drittel entfällt derzeit auf CO2-arme Energiequellen, Erdgas sowie Öl und Kohle. Ab 2030 werden eine Abflachung der Ölnachfrage und ein Rückgang des Kohleverbrauchs prognostiziert. Gleichzeig wird der Stromverbrauch doppelt so schnell steigen wie der Gesamtenergieverbrauch.
 
Machtkampf der OPEC+
Die Rohölschwemme und die von Nachrichten getriebenen niedrigen Preise bringen die Ölindustrie sowie die Erdöl produzierender Staaten in Bedrängnis. Das Überangebot beträgt derzeit laut IEA rund 20 Millionen Barrel pro Tag (bpd). Die wichtigsten Player und Produzenten sind die USA, Saudi-Arabien sowie Russland. Die Rentabilität der Rohölgewinnung wird maßgeblich vom Ölpreis bestimmt. Für den Zusammenbruch des OPEC+ Kartells und den Rückgang der Ural-Spotpreise von 50 USD/Barrel (159 Liter) Ende Februar auf unter 15 USD/Barrel im März 2020 wurde Russland verantwortlich gemacht. Russland war der OPEC im Jahr 2016 vor allem aus Eigeninteressen beigetreten. Die damals vereinbarte Produktionseinschränkung hatte in Folge zu höheren Öl-Preisen geführt. Mit der jüngsten Aussetzung des Abkommens brachte Russland vor allem Saudi-Arabien sowie die USA wirtschaftlich in Bedrängnis.
 
Wer braucht welchen Ölpreis?
Die natürlichen Ressourcen Saudi-Arabiens sind Petroleum, Erdgas, Eisenerz, Gold und Kupfer. Der Warenexport betrug im Jahr 2018 rund 295 Mrd. US-Dollar. Fast 80 % davon waren Öl und petrochemische Produkte. Die Erträge aus dem Ölgeschäft hatten im Jahr 2018 zirka 42 % Anteil am BIP, und machen mit rund 87 % einen überragenden Teil der saudischen Staatseinnahmen aus. Nach Berechnungen des IWF (internationaler Währungsfonds) benötigt das Land für einen ausgeglichenen Staatshaushalt einen Ölpreis von rund 85 USD/Barrel, der also deutlich über dem derzeitigen Weltmarktpreis liegt oder einen größeren Marktanteil.
 
Auch Russland pumpt viel Öl in den Markt, wobei die dortige Exportabhängigkeit viel geringer als jene der Saudis ist. Die Beratungsagentur CREON Energy schätzt, dass die Einnahmen aus Ölexporten rund 21 % des russischen BIP ausmachen. In Norwegen sind es rund 32 %. Laut IWF kann Russland bei einem Ölpreis von etwa 45 USD/Barrel die Haushaltskosten decken. Maßgeblich sind auch die reinen Förderkosten aus Ölquellen. Sie betragen bei manchen Ölfeldern in Russland oder Saudi-Arabien weniger als 10 USD/Barrel (Brent), während diese bei den Schieferbetreibern in den USA, wo das Angebot an Schieferöl maßgeblich vom Ölpreis beeinflusst wird, deutlich höher liegen. Die Produktionskosten der Schieferbetreiber liegen bei etwa 40 USD/Barrel. Um positive Cash-Flows zu generieren wird sogar ein Preis von mindestens 60 USD/Barrel benötigt. Somit kommen die ohnehin hoch verschuldeten US-Fracker schwer unter Druck. Beim aktuellen Ölpreis werden zahlreiche kleinere Schieferölunternehmen den Betrieb einstellen müssen, sofern keine staatliche Hilfestellung oder eine Übernahme durch größerer Gesellschaften erfolgt. Nach einer Umfrage der Federal Reserve Bank of Kansas City werden innerhalb eines Jahres 40 % der Öl- und Erdgasproduzenten bankrott sein, wenn die Rohölpreise nahe 30 USD/Barrel bleiben. Bei 40 USD/Barrel sind es immer noch rd. 36 %. Von den Pleiten wären zigtausende US-Arbeitnehmer betroffen. Fast 1,7 Millionen Menschen waren laut National Association of State Energy Officials (NASEO) und der Energy Futures Initiative (EFI) im Jahr 2019 im Bereich fossiler Brennstoffe – Gewinnung, Transport, Verarbeitung und Stromerzeugung – beschäftigt.
 
China füllt die Lager
Zurzeit nützt der weltweit größte Öl-Importeuer China den Preisrutsch von 60 % für die Erhöhung der Öl-Staatsreserven auf 90 Tage und der kommerziellen Reserven auf 180 Tage durch Befüllung von Tanks und durch Finanzinstrumente zur Preissicherung. Auch wird bereits die Verarbeitung von Rohöl in Raffinerien wieder langsam hochgefahren.
 
Die wegen Covid-19 in zahlreichen Ländern verordneten Einschränkungen im öffentlichen Leben führen zwangsweise zu einer Reduzierung des Ölbedarfs. Vor der Corona-Krise wurden rund 100 Millionen bpd nachgefragt. Optimistische Prognosen gehen davon aus, dass 2020 ein Nachfragerückgang von 5 % zu erwarten ist. Bei einer bleibenden Verlangsamung der Weltwirtschaft könnte aber sogar bis zu 20 % an Nachfrage wegfallen, so die IAE. Dies entspricht in etwa dem gesamten US-Verbrauch. Laut Rystad Energy, einem in Oslo ansässigen Forschungs- und Beratungsunternehmen, werden im Jahr 2020 die weltweiten Öl-Investitionen in Exploration und Produktion voraussichtlich um 100 Milliarden US-Dollar oder 17 Prozent unter dem Vorjahreswert sinken. Für das Jahr 2020 wird ein bis zu 20 % niedrigerer Weltölverbrauch prognostiziert, sodass die OPEC und auch Russland eine weitere weltweite Förderquotenkürzung anstreben. Allein US-Präsident Trump äußerte bereits zu den jetzt geplanten Einschränkungen, dass den Produzenten in den USA keine Produktionskürzungen vorgeschrieben werden können, und sich der Markt automatisch anpassen werde.
 
Weltweite Rezession
Trotz ihrer jüngsten Einigung bleibt der Blick der OPEC+-Länder wohl gebannt auf die Krise der Weltwirtschaft gerichtet: Auch bei einem wirtschaftlichen Aufholprozess im 2. Halbjahr 2020 dürfte eine globale Rezession nicht mehr aufzuhalten sein. Zu den Einschränkungen in Produktion, Handel oder dem Tourismus kommt erschwerend hinzu, dass Covid-19 zeitlich – möglicherweise in mehreren Wellen – sowie geografisch unterschiedlich die Wirtschaft belastet. Die in China wieder aufgenommene Produktion trifft aktuell auf eine weltweit geringere Nachfrage. Es gibt aber auch Branchen die derzeit boomen, wie etwa die Hersteller von medizinischen Produkten.
 
Aktuell wird für das 2. Quartal 2020 folgendes BIP erwartet: minus 8 bis 9 % in den USA und der Eurozone sowie plus 5 % in China. Die BIP-Schätzungen für das gesamte Jahr 2020 werden laufend revidiert, wobei der derzeitige Konsens für die USA und die Eurozone von einer Erholung ab dem 2. Halbjahr 2020 ausgeht: In China wird eine Verlangsamung des BIP-Wachstums um 2 % erwartet, während in den USA und in der Eurozone die Wirtschaft rund 4 % schrumpfen wird. Das Welt-BIP 2020 wird bei minus 1,5 % und 2021 bei plus 3,9 % prognostiziert. Die im Zuge des „Lockdown“ beschlossenen Fiskalpakete sowie Maßnahmen der Notenbanken haben wohl das Schlimmste verhindert. Die Politik wird sich künftig mit der massiv gestiegenen Arbeitslosigkeit sowie der gestiegenen Staatsverschuldung beschäftigen müssen.

 

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